Medizin aus dem Ei
Haben Sie schon mal die Zeit vor Ostern mit Kindern verbracht? Dann werden Sie wissen, was man mit den Eiern des Huhnes, lat. Gallus domesticus, alles anstellen kann. Spätestens wenn die ausgeblasenen Schalen fertig zum Bemalen sind, stellt sich die Frage nach den Verwendungsmöglichkeiten von Eidotter und Eiweiß, und es fällt auf, wie vielfältig diese einzusetzen sind und vor allem, welche verschiedenen Formen die resultierenden Speisen annehmen können, vom Eischnee zum Baiser, über das Omelette, die Süßspeise und die cremig gerührte Suppe. Oder lieben Sie etwa Eierlikör? Im Vergleich zu seiner Funktion als Lebensmittel ist seine Rolle in Pharmazie und Medizin heute weitgehend vergessen. Unser aktuelles Objekt wirft ein Schlaglicht auf eine vergangene Zubereitungsform: In Apotheken erhältliches Eier-Öl.
Aus der Ratsapotheke Lehrte, die unsere Sammlung mit vielen Objekten und Dokumenten des 19. und 20. Jahrhunderts bereichert hat, stammen zwei Apothekenstandgefäße mit Schliffstopfen, 9 und 14,5 cm hoch. Das größere der beiden ist hier abgebildet. Beide enthalten Eieröl (lat. Oleum Ovorum). Obwohl es heute nicht mehr gebräuchlich ist, lassen sich seine Spuren bis in die griechische Antike zurückverfolgen.
In der Hannoverschen Pharmakopöe von 1861 ist das Öl noch verzeichnet; das ab 1872 erscheinende Deutsche Arzneibuch führt es allerdings schon nicht mehr auf. Spätere pharmazeutische Nachschlagewerke erwähnen es vor allem noch als Bestandteil von Kosmetika. Verwendet wurde es aber auch in einer bestimmten Form der Gerberei: der Sämisch-Gerberei, bei der besonders weiches Leder, das Chamois-Leder, herauskam. Dass wir sogar zwei dieser Gefäße in der Sammlung haben, lässt vermuten, dass das Öl im letzten und vorletzten Jahrhundert noch häufig verlangt wurde.
Die Herstellungsvorschrift für das Oleum Ovorum war seit dem Spätmittelalter nahezu unverändert: Eier wurden hartgekocht, die Eigelbe separiert - später auch langsam unter Rühren erwärmt (Langer 1905) und anschließend ausgepresst. Das Öl konnte statt durch Pressen auch durch Extraktion gewonnen werden. Genutzt wurde es äußerlich bei Verbrennungen und gegen Intertrigo (Wundreiben). Spätestens seit dem Bĕn căo gāng mù (本草綱目) von Li Shizhen aus dem 16. Jahrhundert mit Indikationen etwa bei Hautkrankheiten, Fieber und Diarrhöe bei Kindern, ist es Bestandteil des Arzneischatzes in China. In Südostasien ist es bis heute populär in der Kulnarik und Kosmetik, ihm wird auch zugetraut, dass es bei Herzkrankheiten helfen kann (Hu et al. 2012).
Valerius Cordus, Autor der ersten Pharmakopöe im deutschsprachigen Raum, beschreibt die Herstellung ausführlich: 100 Eier sollen hart gekocht werden, die Eigelbe separiert und so lange zerdrückt werden, bis etwas Öl austritt, dann werden sie mit etwas Wein beträufelt, in einem leinenen Sack gepresst, und der Presssaft wird in einem Glasgefäß aufgefangen. Das Öl wurde bei Hautleiden, bei Verbrennungen und Eiterpusteln, bei Schrunden angewandt und auch bei lokalen Schmerzen an Händen und Füßen. Bei Brüchen und Geschwüren sollte es ebenfalls helfen. Etwa 200 Jahre später, 1741, wiederholt die Württembergische Pharmakopöe die Herstellungsvorschrift fast wörtlich. Unter den Indikationen erwähnt sie außerdem Hernien, Hämorrhoiden und Pockennarben.
Friedrich Hoffmann der Ältere, Autor der Clavis Pharmaceutica Schroederiana (1685, Deutsch als Schröderscher Arzneischatz bekannt), beschrieb die Herstellung des Öls ebenfalls. Er erklärte die heilsame Wirkung des Eis allegorisch: Das Ei enthält eine Luftblase, als Repräsentanten des Wassers sieht er das feuchte und kalte Eiweiß; die Schale und innere Eihaut seien vergleichbar mit dem Element Erde. Der Dotter bringt das Element Feuer ins Spiel (Hoffmann 1685). Aus all dem entwickele sich das Küken. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Anatom William Harvey das befruchtete Ei bereits als Versuchsobjekt zur Erforschung der Reproduktion entdeckt (Harvey 1651). Im 17. Jahrhundert wurde das Ei also zugleich als Ursprung des Lebens und als Abbild des Kosmos verstanden. Hoffmann deutet das Eiweiß als Fortsetzung der (männlichen und weiblichen) Samenflüssigkeit, die dem Embryo zugleich die Form (idea) aufpräge und ihm später Festigkeit verleihe. Neben einem Echo auf Harvey sind bei Hoffmann noch Theorien über die Entstehung des Lebens von Aristoteles, Galen und Avicenna erkennbar (vgl. dazu Pomata 2018).
Öle und Essenzen waren in der Frühen Neuzeit sehr populär; da ihre Zubereitung ja aufwendig war, schienen sie die heilsamen Eigenschaften ihres Ausgangsmaterials in sich zu konzentrieren, weshalb ihnen wohl auch zahlreiche Wirkungen zugeschrieben wurden. Die Elementarqualitäten der Bestandteile des Eis gaben Hoffmann zufolge Hinweise auf deren unterschiedliche Anwendungen. Bei Fieber sollte Eiweiß kühlen. Das wärmende Eigelb hatte für ihn schmerzstillende Eigenschaften.
Die einzelnen Bestandteile des Eis kamen unabhängig von seiner kosmologischen Bedeutung in vielen pharmazeutischen Vorschriften vor; sie waren zur Herstellung zahlreicher Arzneiformen geeignet. Hildegard von Bingen empfahl die Herstellung von Küchlein aus Semmelmehl und Eidotter, die in Kombination mit verschiedenen Rezepturen etwa bei Übelkeit (Hildegard 2011) angewandt wurden. Für schmerzende Augen empfahl sie, flüssiges und möglichst klares Eiweiß zusammen mit einem Kräutersud auf das Auge zu legen, um es zu kühlen ( Hildegard 2011).
Wenn es darum ging, einem Arzneimittel Form zu geben, kam oft Eiweiß zum Einsatz, so etwa bei den Pastillen aus roten Korallen im Rawḍat Al-ʿiṭr von Muḥammed Ibn Maḥmūd Al-Shirwānī aus dem 15. Jahrhundert, die neben roten Korallen, Weihrauch, Gummi arabicum, Granatapfelblüten, Akaziensirup und chinesischen Zimt enthielten. Die zerkleinerten Zutaten sollten mit Eiweiß zu Pastillen geknetet und im Schatten getrocknet werden. Die Indikationen waren Diarrhoe und Bluthusten (Atat 2025).
Al-Shirwānī kennt auch Klistiere, denen gekochtes oder rohes Eigelb zugesetzt wurde (Atat 2025), ähnlich wie vor ihm griechische Autoren oder nach ihm Hoffmann d. J. (Lanz 2016).
In den beiden hier abgebildeten Rezepten werden pflanzliche Extrakte mit kühlenden Eigenschaften, z.B. aus Rosen, verwendet. Im einen geben neben dem gekochten Ei Kichererbsen die Konsistenz, im anderen Bleiweiß und Bleiglätte, wobei das Eigelb hier roh verwendet wird.
Im April 1628 zeichnete die Hofapotheke in Wolfenbüttel einen außergewöhnlichen Unfall auf, dessen Folgen mit Hilfe von Wacholderharz und Eieröl behandelt wurden: "als Johan der Gerttner hinterm Schlosse die schwere Nott ahngestossen das ehr druber ins fewer gefallen das gesicht jemmerlich verbrant hatt D.Sam. vor ihme verordnet so der Balbirer abgefordertt Ad rationes Illmj] Vernicis et ol. Ovor. ana 1 Unze." Der Eintrag vermerkt, dass der Hofarzt Samuel Sattler die Mixtur auf Anforderung des behandelnden Chirurgen und auf Rechnung des Herzogs verordnet hatte.
Auch Eierschalen wurden in den Arzneibüchern erwähnt. So führten zerstoßene Eierschalen Harngrieß aus, wie Hoffmann versicherte. Hier konnte wieder die Analogie mit der Erde erkenntnisleitend gewesen sein oder auch das ähnliche Aussehen der zerstoßenen Schalen mit dem Grieß.
Nach der Pharmacopoea Wirtenbergica von 1741 galten sie als probates Mittel bei Nieren- und Steinleiden. Wegen ihres hohen Gehaltes an Calciumcarbonat, veraltet kohlensaurer Kalk, nutzte man Eierschalen auch als Absorbens von Magensäure.
Nicht nur Schalen von Hühnereiern fanden Eingang in die Arzneibücher, sondern auch diejenigen von Straußeneiern (Ova Struthionum). Die „Steintreibende Essenz“ des Dispensatorium Brandenburgicum von 1698 enthielt neben dem Pulver aus Schalen des Straußeneis auch solches von fossilen Seeigeln und Belemniten, Kaulbarschknochen und Steinen aus dem Magen von Flusskrebsen.
Zu aufwendig gefassten Pokalen verarbeitet oder auch mit Schnitzereien versehen, wurde das Straußenei oft repräsentatives Schaustück der fürstlichen Kunstkammern. Möglicherweise waren hier auch die den Eierschalen zugeschriebenen steintreibenden Wirkungen ausschlaggebend, so dass mit dem Kunstobjekt zugleich ein Arzneimittel bevorratet wurde, es in Kunst- und Wunderkammern also vielleicht nicht nur um die reine Zurschaustellung ging.
1844 räumte der Mediziner V. A. Riecke unserem Eieröl zwar keine große Bedeutung mehr ein, dagegen schätzte er das Ei als Bestandteil von der Krankendiät, besonders in Schwächezuständen, und er erwähnte es als leicht verfügbaren Bestandteil für weitere Hausarzneimittel. Die Innenhaut der Hühnerei-Schale z.B. eigne sich als "Hausmittel zum Auflegen auf leichte Verbrennungen, Abschürfungen der Oberhaut u. dgl. Es wirkt theils einfach durch Sicherstellung der verletzten Stelle vor dem reizenden Einfluss der atmosphärischen Luft, theils als kühlendes und theils als klebendes Mittel." (Rieke 1844). Auch moderne Wundauflagen für chronische Wunden werden noch aus dieser dünnen Haut gefertigt. Nahrungsergänzungsmittel aus solchen Eierschalenmembranen, die arthrosebedingte Schmerzen reduzieren sollen, sind ebenfalls im Handel.
Trotz der breit und über Jahrtausende überlieferten vielseitigen Verwendung sah das 20. Jahrhundert noch einige Innovationen rund um das Hühnerei. So entstand in einer Oldesloer Apotheke kurz vor 1900 die Idee, Eier als Träger für Arzneistoffe zu verwenden. Dies zeigen zwei Archivalien aus dem Nachlass der Apothekers Christoph Sonder. Ein Prospekt von 1901 beschreibt diese Erfindung, ebenso wie der nicht datierte Entwurf eines Patentgesuchs für sein „Verfahren zur Erhöhung des Eisengehaltes im Hühnerei“. Sonder veranlasste die Verfütterung künstlich hergestellter organischer Eisenverbindungen unter Zusatz von anorganischen Manganverbindungen. Seine sogenannten „Eisen-Eier“versprachen eine Revolution der Eisentherapie. Eisenpräparate gegen Blutarmut wurden häufig verordnet, aber oft schlecht vertragen, daher die Idee einer verträglicheren Darreichungsform. Nachgehende Analysen der „Eisen-Eier“ zeigten aber, dass der Eisengehalt sich nicht von anderen unterschied.
Unbefruchtete Hühnereier und ihre Bestandteile mit ihren unterschiedlichen physikalischen Eigenschaften und ihrem hohen Nährwert waren Ressourcen für Küche und Apotheke, für die Herstellung von Arzneimitteln und Nahrungsmitteln. Beginnend mit William Harvey, also seit dem 17. Jahrhundert, waren befruchtete Hühnereier Start und Ressource für die wissenschaftliche Erforschung der Embryonalentwicklung. Im 20. Jahrhundert brachten sie die Infektionsforschung um einen entscheidenden Schritt weiter. Während man nämlich die meisten krankheitserregenden Bakterien in einem Milieu anzüchten kann, das lediglich die benötigten Nährstoffe enthält, benötigen Viren für ihre Vermehrung lebende Zellen.1931 berichteten Alice Miles Woodruff und Ernest Goodpasture erstmalig über die Virusvermehrung in den Zellen der gefäßreichen Chorionallantois-Membran von befruchteten Hühnereiern. Mit der Etablierung befruchteter Hühnereier als Nährmedien wurde es später möglich, Viren nicht nur zu beforschen, sondern auch für die Impfstoffproduktion zu vermehren.
Auch für die Prüfung von Arzneimitteln und Medizinprodukten spielen befruchtete Hühnereier eine Rolle. Schleimhautreizende Wirkungen von Medizinprodukten etwa werden durch den umstrittenen Draize-Augenreizungstest am lebenden Kaninchenauge geprüft. Eine Alternative stellt der HET-CAM-Test an der Chorionallantois-Membran des befruchteten Hühnereis dar. Allerdings betreffen Kontroversen auch diesen Test.
Doch zurück zu den ausgepusteten und hoffentlich gut verwerteten Eiern: Wieviele Eier sind gesund? Hildegard von Bingen warnt vor dem übermäßigen Verzehr, weil "sie für schwache Eingeweide des Menschen so schädlich sind wie unvermischtes und rohes Mehl." Sie könnten gar Fäulnis auslösen (Hildegard 2012). Lange Jahre wurde vor dem hohen Cholesteringehalt der Eier gewarnt, was inzwischen wieder relativiert wurde. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät zwar zum Verzehr von nur einem Ei pro Woche - dies aber nicht aus gesundheitlichen Gründen: "Es ist eine Menge, die für die Nährstoffzufuhr und Gesundheit ausreichend ist, zugleich die Umwelt nicht stärker als nötig belastet und die den durchschnittlichen Verzehrgewohnheiten der deutschen Bevölkerung entspricht." Es handele sich außerdem um einen durchschnittlichen Verzehr, den man durch Verzicht auf andere tierische Produkte auch ausgleichen könne.
Die Gesellschaft spricht hier das Thema der Nachhaltigkeit an, das sie in ihren Empfehlungen seit Neuestem berücksichtigt. A propos Nachhaltigkeit: Wenn die Eier nicht gerade ausgeblasen werden, sind die Schalen Abfälle, was im Rahmen der industriellen Lebensmittelproduktion mit ihrem hohen Eierverbrauch ein massives Problem ist.- Aber auch hier sind Innovationen zu verzeichnen. Die Schalen kommen heute in einer Reihe von Anwendungen zum Einsatz, z.B. in der Biokeramik (Fliesen, Zahnkronen), in Kosmetika, in der chemischen Industrie, Landwirtschaft und Medizin (Implantate). Die Entwicklung essbarer Verpackungen aus Eierschalen oder die Nutzung von Eierschalen als Elektrode für Energiespeicher sind weitere Forschungsprojekte rund ums Ei.
Fröhliche Ostern….
Anette Marquardt und Bettina Wahrig